Mehrsprachigkeit bei Kindern: wie früh gelernte Sprachen den Umzug ins Ausland leichter machen
Mehrere Sprachen verwirren kleine Kinder nicht, sie schulen Aufmerksamkeit und das Gespür für andere. Was Forschende aus Kanada, den USA und Deutschland herausgefunden haben und wie das Ihrer Familie im neuen Land hilft.
Kurz gesagt
- Keine Verwirrung. Schon Neugeborene unterscheiden zwei Sprachen, und die ersten Meilensteine kommen in jeder Sprache zur üblichen Zeit.
- Wortschatz zählt doppelt. Mit gut zwei Jahren ist der Gesamtwortschatz in beiden Sprachen vergleichbar mit dem einsprachiger Kinder.
- Aufmerksamkeit. Zwei- und dreisprachige Kinder lösen Konfliktaufgaben besser als einsprachige Gleichaltrige.
- Lesen in der Familiensprache. Jugendliche, die in beiden Sprachen lesen und schreiben, sind in einer dritten Sprache stärker.
- Neues Land. Die Landessprache aus der Kindheit hängt mit mehr Bildung, höherem Einkommen und Freunden vor Ort zusammen.
Ausführlich
Mehrsprachigkeit bei Kindern bedeutet, dass ein Kind mit zwei oder mehr Sprachen aufwächst und sie im Alltag wirklich benutzt: Deutsch mit den Eltern, Spanisch im Kindergarten, Englisch mit Freunden aus anderen Ländern. Für Familien, die nach Spanien, Portugal, in die Schweiz oder nach Dubai ziehen, ist das kein Sonderfall, sondern Alltag ab dem ersten Kindergartentag. Die Forschung zeichnet ein klares Bild: Mehrere Sprachen verwirren kleine Kinder nicht, sie schulen Aufmerksamkeit und das Gespür für andere Menschen und verschaffen später in Schule und Beruf einen Vorsprung. Hier sind die Ergebnisse mit Alter, Zahlen und Fachzeitschriften und das, was sie für Ihre Familie bedeuten.

Mehrsprachigkeit bei Kindern: gleichzeitig oder nacheinander
Fachleute unterscheiden zwei Wege. Beim gleichzeitigen Erwerb hört ein Kind von Geburt an zwei Sprachen, etwa weil die Mutter Deutsch und der Vater Portugiesisch spricht. Beim aufeinanderfolgenden Erwerb kommt die zweite Sprache später dazu, meist mit dem Kindergarten im neuen Land. Beide Wege führen zu echter Mehrsprachigkeit, wenn das Kind jede Sprache regelmäßig hört und selbst spricht. Für eine Familie, die mit einem Kleinkind auswandert, ist meist der zweite Weg der eigene: Deutsch bleibt zu Hause, die Landessprache kommt draußen dazu, und Englisch oft als dritte Sprache.
Erste Wörter in zwei Sprachen: was die Forschung über Babys weiß
Die Grundlage entsteht früher, als viele Eltern denken. Krista Byers-Heinlein, Tracey Burns und Janet Werker aus Kanada (Psychological Science, 2010) zeigten: Neugeborene, deren Mütter in der Schwangerschaft regelmäßig Englisch und Tagalog sprachen, hörten beiden Sprachen gleich gern zu und konnten sie trotzdem auseinanderhalten. Die Autorinnen und Autoren schreiben: «Preference for two languages does not suggest confusion between them», also: Die Vorliebe für zwei Sprachen bedeutet keine Verwechslung.
Im Alter des Brabbelns bleibt das Gehör mehrsprachiger Babys länger offen. Das Team von Laura-Ann Petitto (Brain and Language, 2012) beobachtete die Hirnaktivität von Säuglingen mit 4 bis 6 und mit 10 bis 12 Monaten. Die älteren zweisprachigen Babys reagierten noch auf Laute einer fremden Sprache, als einsprachige Gleichaltrige diese Unterschiede nicht mehr wahrnahmen. Davon profitiert ein Kind, wenn später eine dritte Sprache dazukommt.
Auch die ersten Wörter kommen pünktlich. Petitto und Team (Journal of Child Language, 2001) filmten ein Jahr lang sechs Kinder, die von Geburt an zweisprachig aufwuchsen. Die frühen sprachlichen Meilensteine erreichten sie in jeder ihrer Sprachen zur gleichen Zeit und so wie einsprachige Kinder. Wie oft die Kinder Sprachen in einem Satz mischten, hing direkt davon ab, wie oft ihre Eltern das taten.
Beim Wortschatz lohnt es sich, richtig zu zählen. Erika Hoff und Team (Journal of Child Language, 2012) verglichen Kinder zwischen 1 Jahr 10 Monaten und 2 Jahren 6 Monaten. In einer einzelnen Sprache lagen einsprachige Kinder oft vorn, beim Gesamtwortschatz in beiden Sprachen waren die mehrsprachigen Kinder «comparable on a measure of total vocabulary», also gleichauf. Wer ein mehrsprachiges Kind nur an seinem Deutsch misst, sieht deshalb nur die halbe Sprache.
Wie viel jede Sprache braucht
Zwei Sprachen im Haus machen ein Kind noch nicht zweisprachig. Entscheidend ist der Anteil der Zeit, den es mit jeder Sprache verbringt. Sylvia Place und Erika Hoff (Child Development, 2011) ließen die Mütter von 29 Kindern im Alter von 25 Monaten, die mit Spanisch und Englisch aufwuchsen, Tagebuch führen: Wer sprach wann und in welcher Sprache mit dem Kind? Der relative Anteil jeder Sprache sagte voraus, wie gut das Kind sie beherrschte. Auch die Zahl verschiedener Gesprächspartner und der Anteil an Muttersprachlern spielten eine Rolle.
Im Alltag funktionieren einfache Absprachen: eine Sprache beim Frühstück und vor dem Schlafen, die andere im Kindergarten und im Sportverein, Bücher und Lieder in beiden Sprachen, Videotelefonate mit den Großeltern auf Deutsch. Je mehr Menschen mit dem Kind in jeder Sprache sprechen, desto besser: Nachbarin, Erzieher, Trainerin, Freunde der Familie.
Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Gespür für andere
Mehrere Sprachen trainieren mehr als das Sprechen. Raluca Barac und Ellen Bialystok (Child Development, 2012) verglichen 104 sechsjährige Kinder in vier Gruppen: einsprachig englische Kinder und drei Gruppen zweisprachiger Kinder mit Chinesisch, Französisch oder Spanisch neben Englisch. Bei einer Aufgabe zur Steuerung der Aufmerksamkeit schnitten alle zweisprachigen Gruppen ähnlich ab und übertrafen die einsprachigen. Der Vorteil hängt also nicht davon ab, welche Sprachen ein Kind spricht.
Dazu kommt das Verständnis für das Gegenüber. Das Team um Katherine Kinzler an der University of Chicago (Psychological Science, 2015) gab Kindern eine Aufgabe, bei der sie sich in einen Erwachsenen hineinversetzen mussten, um zu verstehen, was er meinte. Einsprachige Kinder lagen deutlich häufiger daneben. Kinder, die eine zweite Sprache nur in ihrer Umgebung hörten, schnitten so gut ab wie zweisprachige. Für ein Kind, das im neuen Land zum ersten Mal in den Kindergarten geht, ist das genauso wichtig wie Vokabeln: Es versteht schneller, was Erzieherinnen und neue Freunde wollen.
Eine weitere Untersuchung mit Kindern in Deutschland zeigt, dass eine dritte Sprache diesen Vorteil nicht schmälert. Gregory Poarch und Janet van Hell (Journal of Experimental Child Psychology, 2012) testeten 5- bis 8-jährige Kinder: Englischlernende, deutsch-englisch zweisprachige, dreisprachige Kinder mit einer weiteren Sprache neben Deutsch und Englisch und einsprachige Gleichaltrige. Zwei- und dreisprachige Kinder lösten Konflikte in einer Aufmerksamkeitsaufgabe besser als einsprachige.
Drei, vier, fünf Sprachen: warum die Familiensprache den Weg ebnet
Für deutsche Familien im Ausland ist eine Studie aus Deutschland besonders aufschlussreich. Dominique Rauch, Johannes Naumann und Nina Jude vom DIPF, dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (International Journal of Bilingualism, 2012), testeten 299 Jugendliche der Sekundarstufe, einsprachig deutsche und türkisch-deutsche. Wer in beiden Sprachen lesen und schreiben konnte, war beim Lesen in der dritten Sprache Englisch und beim Nachdenken über Sprache stärker als einsprachige Jugendliche und als zweisprachige, die nur in einer Sprache lasen. Der Effekt blieb bestehen, als soziale Herkunft, Geschlecht, allgemeine Fähigkeiten und Schulform berücksichtigt wurden. Für Ihre Familie heißt das: Deutsch im Ausland nicht nur sprechen, sondern vorlesen und später lesen und schreiben. Die Familiensprache ist das Fundament, auf dem jede weitere Sprache steht.
Früh anzufangen, lohnt sich auch aus einem zweiten Grund. Joshua Hartshorne, Joshua Tenenbaum und Steven Pinker (Cognition, 2018) werteten Antworten von 669.498 Menschen aus. Die Fähigkeit, die Grammatik einer neuen Sprache zu lernen, bleibt bis fast 17,4 Jahre erhalten und nimmt dann stetig ab. Ein Kind, das mit fünf oder sieben Jahren umzieht, hat noch viele Jahre in diesem Fenster, die Eltern lernen dieselbe Sprache bereits danach.
Eine vierte und fünfte Sprache kommen nach derselben Regel dazu wie die zweite: regelmäßige Begegnung und lebendiger Austausch. Sprachen, die es weder zu Hause noch im Kindergarten gibt, brauchen einen festen Platz im Tagesablauf: ein Lied am Morgen, ein Spiel beim Abendessen, ein paar neue Wörter vor dem Schlafen. Genau so ist Tatako aufgebaut, eine Englisch-App für Eltern von Kleinkindern, die mit zwei Sprachen aufwachsen. Ein Elternteil leitet die Lektion, das Kind hört jedes Wort, findet es im Bild und sagt es selbst. Etwa fünf Minuten am Tag, alles gesprochen, nichts zu lesen. Deutsch bleibt die Sprache der Familie, Englisch kommt in kurzen Momenten dazu; Tatako: Englisch ab dem ersten Wort. Das Prinzip: Fünf Minuten jeden Tag bringen mehr als eine Stunde am Samstag. Wie Absprachen zu Hause aussehen können, beschreibt der Beitrag Kinder zweisprachig erziehen.
Umzug ins Ausland: Schule, Beruf und ein eigener Freundeskreis
Die längste Wirkung früher Sprachen zeigt sich nach Jahrzehnten. Die Ökonomen Hoyt Bleakley und Aimee Chin (Review of Economics and Statistics, 2004) untersuchten Erwachsene, die als Kinder in die USA gekommen waren. Gutes Englisch hatte einen deutlichen positiven Effekt auf ihr Einkommen, zu einem großen Teil über die Bildung: Wer früher die Landessprache sprach, lernte länger. Die Studie bestätigt auch, dass jüngere Kinder Sprachen leichter lernen als ältere.
Eine zweite Arbeit derselben Autoren (American Economic Journal: Applied Economics, 2010) zeigte anhand der Volkszählung von 2000, dass gutes Englisch die Wahrscheinlichkeit einer Ehe mit einem Menschen anderer Herkunft erhöht und bei einem Teil der Zugewanderten das Leben in einer ethnischen Enklave seltener macht. Eine in der Kindheit gelernte Sprache führt aus dem Kreis der eigenen Landsleute heraus, zu Freunden, Nachbarn und Kollegen vor Ort.
Wie stark Sprache im Beruf zählt, zeigt eine Studie aus Deutschland selbst. Christian Dustmann und Arthur van Soest (ILR Review, 2002) werteten Paneldaten aus zehn Jahren in Deutschland aus und kamen zu dem Schluss, dass «language proficiency is far more important than suggested by the existing literature»: Für das Einkommen von Zugewanderten sind Sprachkenntnisse weit wichtiger, als frühere Studien annahmen. Dazu kommt ein direkter Aufschlag. Albert Saiz und Elena Zoido (Review of Economics and Statistics, 2005) bezifferten das Lohnplus für Hochschulabsolventen in den USA, die eine zweite Sprache sprechen, auf 2 bis 3 %. Ein Kind, das mit Deutsch, der Landessprache und Englisch aufwächst, bringt diesen Vorteil aus der Kindheit mit, ohne Abendkurse und Prüfungen als Erwachsener.
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Wie Murblz Familien mit Kindern begleitet
Murblz begleitet Familien, die mit Kindern ins Ausland ziehen: Wir wählen Land und Aufenthaltsgrundlage für die ganze Familie, bereiten die Unterlagen der Kinder vor und planen die Anmeldung in Kindergarten oder Schule vor Beginn des Schuljahres. Was beim Umzug mit Kindern zu beachten ist, lesen Sie im Beitrag Umzug mit Kindern, wie die Anmeldung vor Ort klappt, im Beitrag Kindergarten im Ausland, und wie Eltern selbst die neue Sprache angehen, im Beitrag neue Sprache vor dem Umzug lernen. Der Preis der Begleitung: auf Anfrage beim Manager.
Umzug mit Kindern
Unterlagen, Schulen und Eingewöhnung.
Mehr lesen →Kindergarten im Ausland
So melden Eltern ihr Kind an.
Mehr lesen →Neue Sprache vor dem Umzug
Ein Plan für Erwachsene.
Mehr lesen →Häufige Fragen
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